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11.12.2015 – Selektive Daten zur Ungleichheit aus dem Bundesamt für Statistik


 
 
Die Pressemitteilung zur Lohnstrukturerhebung 2014 versucht trickreich den Eindruck zu vermitteln, dass die Schweiz den Trend zur Ungleichheit umkehren kann.
 
Die Schlagzeilen waren einhellig: „Die Lohnschere schliesst sich in der Schweiz“, meldete die Berner Zeitung. „Die Lohnkluft ist geschrumpft“, titelte die NZZ. Der Tages Anzeiger und der Bund meldeten, dass sich „die Lohnschere wieder ein wenig schliesst“. Und der Bote der Urschweiz meinte: „Lohnentwicklung stimmt optimistisch.“
 
Damit hat das Bundesamt für Statistik geerntet, was es auf Seite 6 der Zusatzinformationen zur Pressemittelung gesät hatte. Dort sieht man in Dunkelroten Fettbuchstaben, dass sich die Nominallöhne zwischen 2008 und 2014 wie folgt entwickelt haben: + 3,6% für das oberste Zehntel, + 6,8% für die Mittelklasse und + 9,1% für die untersten 10 Prozent der Lohnskala. Für Begriffsstutzige, steht darunter noch diese Legende: „Das Verhältnis P90/P10 sinkt in dieser Zeitspanne von 2,8 auf 2,6 = Der Abstand zwischen dem oberen und unteren Ende der Lohnpyramide hat sich zwischen 2008 und 2014 verkleinert.“
Leider gibt es in den Unterlagen keine Tabelle, auf der man diese Entwicklung zurückverfolgen könnte. In der Pressemittelung zur Lohnstrukturerhebung 2012 las man noch, dass sich die Lohnschere zwischen 2002 und 2012 stark geöffnet hat. In dieser Zeitspanne stieg der Lohn des obersten Zehntels um 22,5 Prozent, der des Median um 12,8 und der des untersten Zehntels bloss um 9,5% bzw. 2,3% nach Abzug der Teuerung. In der Erhebung von 2008 und 2010 wurde keine Verteilung nach Dezilen ausgewiesen.  
 
Man ist also auf Detektivarbeit angewiesen, um zu erahnen, was da im obersten Dezil passiert sein soll. Die neueste Pressemitteilung liefert dazu immerhin ein Indiz. Danach sollen die Gehälter des obersten Zehntels der Top-Manager 2014 gegen über 2008 um nicht weniger als 21.1% auf 18'939 zurückgegangen sein. Ein Vergleich mit der Lohnstrukturerhebung 2012 zeigt, dass praktisch der ganze Verlust in diesen zwei Jahren stattgefunden haben soll. Doch das widerspricht allen bisher verfügbaren Daten. So zeigt etwa die AHV-Statistik, dass die Arbeitseinkommen der reichsten rund 1,3 Prozent der Beschäftigten 2013 um gut 5% gestiegen sind. Träfe dies zu, müssen die Arbeitseinkommen dieser Gruppe 2014 (wozu noch keine Zahlen vorliegen) um runden einen Viertel gesunken sein.
Davon ist zumindest im Vergütungsbericht 2015 von Price Waterhouse nichts zu spüren. Danach sind nämlich die Gehälter der CEO der 100 grössten an der Börse kotierten Schweizer Firmen 2013 und 2014 kontinuierlich gestiegen: Um insgesamt 6% bei den 30 SMI-Firmen und sogar um gut 30% bei 70 nächstgrössten Firmen. Nun ist es zwar theoretisch möglich, dass die obersten Chefs (also etwa das oberste 0,1 Promille) ihre Gehaltserhöhung durch massive Kürzungen bei den direkten Untergebenen (beim obersten Prozent) finanziert haben könnten, doch das widerspricht erstens dem gesunden Menschenverstand und zweitens hätte sich eine solche Entwicklung herumgesprochen.
Ein anderes Indiz findet sich, wenn man in den Unterlagen von 2012 grübelt. Damals wurde die Grenze zum obersten Dezil aller Arbeitseinkommen mit 11'512 Franken beziffert. Zwei Jahre danach waren es nur noch 10'935 Franken - ein Rückgang um immerhin rund 5%. Boris Zürcher, Direktor für Arbeit im Seco, führt dies laut NZZ darauf zurück, dass sich die obersten Kader ihre Löhne und Boni im Zusammenhang mit dem starken Franken freiwillig gekürzt haben sollen. Allerdings ist der Franken erst im Januar 2015 aufgewertet worden. Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, hat denn auch bei der Pressekonferenz angemerkt, dass die ausgewiesene Lohnentwicklung beim obersten Dezil „zweifelhaft“ sei. Das gilt wohl erst recht für das alleroberste Prozent.
Seltsam mutet auch an, dass der Lohn des untersten Dezils seit 2012 um 7,5% gestiegen sein soll. Das steht allerdings nicht explizit in den neuen Unterlagen, sondern man muss es sich aus den alten zusammenreimen -  und kann sich doch keinen Reim darauf machen. Gemäss demselben Bundesamt für Statistik sind in dieser Zeitspanne die Mindestlöhne in den Gesamtarbeitsverträgen nämlich bloss um knapp 1,5% angehoben worden.
Selbst die NZZ, die im Zweifelsfall die Lohn- und Einkommensunterschiede  lieber klein redet, setzt ein kleines Fragezeichen hinter den Zahlsalat aus dem Bundesamt für Statistik. „Das klingt fast zu idyllisch um wahr zu sein“, schreibt Hansueli Schöchli in seinem Kommentar unter dem Titel „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“.
Vorläufig hält man sich deshalb besser an das, was die Professoren Robert Fluder, Oliver Hümbelin und Ben Jann im Jahrbuch 2015 des Denknetz zur Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung in der Schweiz schreiben. Danach herrscht in der Schweiz seit Mitte der Neunzigerjahre in klarer Trend zu einer steigenden Ungleichheit der Einkommen. Interessant ist dabei insbesondere eine Auswertung von Steuerdaten im Kanton Bern. Danach sind die Löhne im untersten Zehntel zwischen 2002 bis 2012 real um etwa 5 bis 10 Prozent gesunken. Das steht im Widerspruch zu allen offiziellen (BfS) Statistiken, wonach in der Schweiz auch die Löhne der unteren Einkommensschichten real steigen. Die Erklärung dafür liegt vermutlich darin, dass in den BfS-Statistiken alle Lohneinkommen immer auf ein theoretisches Vollpensum hochgerechnet werden. In der Realität müssen sich aber gerade die unteren Einkommensschichten oft unfreiwillig mit einer Teilzeitstelle begnügen. Nicht nur die Stundenlöhne werden offenbar zunehmend ungleich verteilt, sondern auch die Arbeitspensen. Dieses Problem liegt statistisch noch weitgehend im Dunkeln.
 
Auch die reiche Schweiz kann sich offenbar dem globalen Trend zur Ungleichheit nicht entziehen. Man möchte es gerne genauer wissen –und muss betrübt feststellen, dass das für diese Frage zuständige Bundesamt für Statistik, mehr Verwirrung stiftet statt sich um Klarheit zu bemühen. 


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