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09.02.2019 – Warum die Ökonomen ihre Welt nicht mehr verstehen

Wie konnten wir nur so weit daneben liegen? Im neuen Magazin des TA denkt der Journalist Markus Schneider mit seinen ehemaligen Ökonomie-Professoren Kurt Schiltknecht und Silvio Borner über deren Versagen: Sie waren fest davon überzeugt, dass eine steigende Geldmenge zu Inflation führen würde. Jetzt wissen wir es besser.
 
„Was würdest Du uns heute anders unterrichten?“, will Schneider von Borner wissen. „Weniger Makro“, antwortet dieser. Konkret: Er würde darauf verzichten, die grossen Zusammenhänge erklären zu wollen, und sich stattdessen mehr auf einzelne Teilmärkte beschränken.
 
Ich habe etwa zehn Jahre vor Dem Kollegen Schneider ebenfalls in Basel Wirtschaft studiert. Die grosse Figur was damals Gottfried Bombach, ein Keynesianer, der dann von den neoliberalen Borner abgelöst wurde. Bei Bombach hatten wir noch gelernt, dass das Verständnis für die grossen Zusammenhänge mit der volkswirtschaftliche Gesamtrechnung – kurz VGR – anfängt. Sie zeigt rein buchhalterisch die finanziellen Beziehungen zwischen den vier Sektoren Privathaushalte, Unternehmen, Staat und Ausland.
 
VGR würde auch helfen,  das zu verstehen, was Schneider, Schiltknecht und Borner nicht in den Kopf will: „Wer sich verschuldet darf nicht belohnt, wer spart, darf nicht bestraft werden. Auf diese Weise erklärt die Nationalbank ihre eigene Währung für weniger als wertlos. Nie hätte ich gedacht, dass so ein Wahnwitz Realität wird“, schreibt Schneider.
 
Schulden sind das Stichwort: In der VGR zeigen die Nettofinanzierungssaldi, welcher Sektor sich in einem bestimmten Jahr bei den anderen Sektoren verschuldet oder Guthaben aufgebaut hat. Betrachtet man diese Saldi über einen längeren  Zeitraum, fällt auf, dass die  „normalerweise“ immer defizitären Unternehmen etwa seit den 1990er-Jahren tendenziell nur noch Überschüsse aufweisen. Sie sind – genau die die Privathaushalte - zu Nettosparern geworden. Ihre Einnahmen übersteigen sämtliche Ausgaben inkl. Löhne, Steuern, Dividenden und Investitionen. In der Eurozone haben sich seit zehn Jahren auf diese Weise rund 2600 Milliarden Euro Überschüsse zusammengeläppert. Wenn ein Sektor mehr Überschüsse erzielt, muss sich mindestens ein anderer mehr verschulden. Dieser andere ist und war der Staat. Zwar nicht in  Ländern wie Deutschland oder die Schweiz, aber insgesamt schon. In der Eurozone beliefen sich diese zusätzlichen Schulden auf gut 3000 Milliarden.ft
 
Schneider, Schiltknecht und Borner kennen diese Fakten offenbar nicht. Für sind es nicht die Unternehmen, die mit ihren Überschüssen die anderen Sektoren zur Verschuldung zwingen. Nein, die Übeltäter sind die „Zentralbanken aller Länder“. „Überall überschwemmen sie die Märkte, billionenweise ramassiert die Europäische Zentralbank griechische, italienische, spanische, französische, portugiesische Staatsanleihen. Alle machen alles, was Gott und die Monetaristen verboten haben.“
 
Nun, die Zentralbanken haben diese Billionen nicht „ramassiert“, sie haben nichts „ überschwemmt“,  Sie haben bloss die von den Unternehmen verursachten Staatsschulden in Geld (sprich in Schulden der Zentralbank) verwandelt damit geholfen, das Geld wieder in den realen Wirtschaftskreislauf zurück zu pumpen.  Dass sie die Sparer (sprich die Unternehmen) nicht auch noch mit hohen Zinsen belohnen, ist klar. Es kann eben auch zu viel gespart und zu wenig konsumiert werden. Wenn niemand konsumiert, steht die Wirtschaft still, und dann will natürlich auch niemand mehr investieren.
 
 
Die Diskussion zwischen den drei Basler Ökonomen zeigt alle Schwächen der neoklassischen Ökonomie auf: Erstens gibt es da zu viel Moralinsäure: Da ist die Rede von Schuld und notwendiger Strafe für die Schuldner, da wird „überschwemmt“ und „billionenweise ramassiert“, es wird getan, „was Gott verboten hat“ und  - so der Titel - „das Volk wird enteignet“. Zweitens fehlt es an der Kenntnis elementarer Fakten. Und drittens will man die vermutlich deshalb nicht zur Kenntnis nehmen, weil man dann unangenehme Fragen stellen müsste. Die  Zahlen der VGR beweisen zwar nichts, aber sie legen zumindest den  Verdacht nahe, dass die Unternehmen (zumindest die grossen) zu wenig Lohn und zu wenig Steuern zahlen. Sonst hätten sie keine Finanzierungsüberschüsse.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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