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25.05.2019 – NZZ an die Schweiz: Lasst alle Löhne fallen

Einmal mehr erklärt uns Hansueli Schöchli von der NZZ, dass der Schweizer Lohnschutz  nicht anderes ist als ein Kartell, das den freien Wettbewerb behindert und ausländischen Bewerbern in Wettbewerbsvorteil weg nimmt.

Schöchli ist sich seiner Sache ganz sicher und spart schon im Einstieg zu seinem Kommentarnicht mit beissender Ironie: „Schweizer Firmen treffen Preisabsprachen, und der Staat subventioniert Kontrollen, welche die Einhaltung dieser Absprachen sicherstellen sollen. Wer als Kartellbrecher erwischt wird, erhält nicht etwa einen Orden, sondern eine Aufforderung, vernünftig zu werden, oder sogar eine Busse. Ein solches Szenario ist in der Schweiz seit 15 Jahren faktisch Realität. Allerdings nicht an den Produktmärkten, sondern am Arbeitsmarkt.“
 
Weiter wendet sich Schöchli den Siegern und den Geschädigten dieses als „Lohnschutz“ getarnten „Lohnkartells“ zu. „Relativ gut situierte inländische Arbeitnehmer sollen vor relativ armen ausländischen Erwerbspersonen geschützt werden, indem man Letzteren einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil wegnimmt – die Bereitschaft, für weniger Lohn oder länger zu arbeiten.“ Offenbar geht Schöchli davon aus, dass wir die beste aller Welten nur erreichen, wenn alle ihre Wettbewerbsvorteile voll ausspielen können.
 
Hinter dieser Argumentation steckt ein seltsames Verständnis von globalem Wettbewerb und ein noch seltsameres Menschenbild. Es ist nämlich ein wesentlicher Unterschied, ob ausländische (z.B. polnische) Erwerbspersonen im eigenen Land für wenig Geld arbeiten und dadurch die Chancen verbessern, ihre entsprechend billigeren Produkte in der Schweiz verkaufen zu können, oder ob sie zu diese in die Schweiz geschickt werden. Im ersteren Fall darf die Erwerbsperson neben auch noch Mensch sein – Vater, Mutter, Nachbar, Sportskollege. Im zweiten Fall ist die Erwerbsperson nur noch genau das, ein aus seinem Umfeld herausgelöste Produktionsfaktor. Der Familienmensch Schöchli würde sich das vermutlich nicht gefallen  lassen. 
  
 
Auch rein ökonomisch ist es kein sehr effizienter Umgang mit der Faktor Arbeitskraft, wenn dieser erst über tausende von Kilometern herangekarrt werden müssen, wenn sie spezielle Unterkünfte brauchen und womöglich noch Dolmetscher, bevor sie mit der Arbeit beginnen können. Die Theorie, auf die sich Schöchli offenbar beruft, wonach der freie Handel letztlich alle reicher macht, stützt sich denn auch auf den freien Austausch von Waren. Von einem freien Austausch von Kapital, geschweige denn von Arbeitskräften, war bei den Urvätern der moderne  Ökonomie noch nicht die Rede.  
 
Klammer auf: Diese Theorie sieht im Modell  mit zwei Ländern auf den Entwicklungsstufen A (Agrar) und I (Industrie) so aus: Im Zustand 0 decken beide Länder ihre jeweilige eigene Nachfrage. Die Produktivität pro Produkt schwankt zwischen 50 und 150% des nationalen Niveaus.  Wenn sich nun beide Länder auf die Produkte mit der hohen relativen Wertschöpfung konzentrieren, und die Überschüsse austauschen, wandern die Arbeitskräfte intern in die produktiveren Branchen, und am am Schluss beide Länder kurzfristig besser dran. Zumindest kurzfristig.  Längerfristig schmälert der freie Handel die Chancen des Landes A, zum Industrieland zu werden)
 
Nun verändern wir das Modell so, dass statt Güter Arbeitskräfte ausgetauscht werden, entweder indem I seine hohe Technologie nach A bringt, oder indem es die Menschen von dort kommen lässt. Dazu muss man wissen, dass das Lohnniveau in jedem Land der durchschnittlichen Produktivität aller Branchen entspricht, während sich der Währungskurs nach den Preisen der jeweiligen Exportgüter richtet. Am Beispiel von Polen heisst das: Die Produktivität und die lokale Kaufkraft der Löhne ist in etwa halb hoch wie die der Schweiz, doch zu aktuellen Währungskursen umgerechnet, sind die polnischen Löhne fast sechs mal tiefer.
 
In diesem Fall entsteht eine ganz andere Dynamik, nämlich typischerweise die: Die Unternehmen (Multis) vereinfachen ihre Produktionstechnik so, dass sie vom tiefen Lohnniveau profitieren können. Das löst im eigenen Land eine Tendenz zu sinkenden Löhnen und Arbeitsqualität aus, im Land dessen Arbeitskräfte die Produktion (wo auch immer) übernehmen, ist es umgekehrt. Doch die Multis stört das nicht. können mit ihrer vereinfachten Technologie immer dorthin ausweichen, wo die Arbeit gerade am billigsten ist. Diesen Teufelskreis kennen wir inzwischen. Klammer zu.
 
Doch weil das alles ein wenig kompliziert ist, wenden die Ökonomen, Wirtschaftspolitiker und Journalisten einfach die alten Rezepte auf die neue Situtation an. Schöchli etwa hat sich hilfsweise an das erinnert, was er an der Uni mal über Kartelle gelernt hat. Deshalb stellt sich für ihn nur eine Frage: Erfüllt die Bereitschaft der Kurzaufenthalter aus der EU, „für weniger Lohn länger zu arbeiten“ den Tatbestand des „Dumpings“? Unter Dumping versteht Schöchli den Versuch, Konkurrenten aus dem Markt zu drängen, indem man seine Produkte unter dem „Einstandspreis“ anbietet.
 
Das tun die Entsender von Kurzaufenthaltern natürlich nicht. Im Gegenteil: Die tiefen Lohnkosten sichert ihnen eine satte Gewinnmarge, an der sich meist auch noch ein paar Vermittler beteiligen. Von Dumping, bzw. von bewusster Inkaufnahme von Verlusten, kann keine Rede sein. Für die Konkurrenten in der Schweiz hingegen ergeben sich die Einstandskosten der Löhne erstens aus den Lebenshaltungskosten in der Schweiz und zweitens aus der gesamtwirtschaftlichen Notwendigkeit, für ihre Produkte die nötige Kaufkraft zu generieren. Eine effiziente Wirtschaft ist eben ein Gesamtkunstwerk aus hoher Produktivität und entsprechend hohem Konsum und Kaufkraft.
 
Wie ein solches Kunstwerk überleben soll, wenn plötzlich grosse Teile der Arbeit von Kurzaufenthaltern mit minimen Konsumansprüchen (Aufenthalt in Baracken, Essen aus dem Eintopf etc.) geleistet wird, ist schleierhaft und Schöchli lüftet diesen Schleier nicht. Dennoch hat er offenbar ein dumpfe Idee, wie sich alles für alle letztlich zum Besseren wenden könnte, falls das Schweizer Lohnkartell gesprengt und der freie Wettbewerb wieder herstellt wird: „Entgegen einem verbreiteten Gerücht ist diese Lohninsel nicht gottgegeben. Wer eine solche Insel halten will, kann dies nur auf die altmodische Art tun: mehr arbeiten oder produktiver arbeiten als die anderen.“
 
Schöchli geht offenbar davon aus, dass die Schweizer ihr hohes Lohniveau bloss ihrem neumodischen Lohnkartell verdanken. Würde dieses Kartell geschleift, wären sie gezwungen, ihren Wohlstand auf „altmodische Art“ zu sichern, indem sie endlich viel und produktiv arbeiten. Doch die Schweizer arbeiten schon eh schon doppelt so produktiv wie die Polen. Und dass lange Arbeitszeiten kein Garant für Wohlstand sind zeigt vor allem das Beispiel der Griechen.  Sie sind mit 2334 Jahresstunden (700 Stunden mehr als die Schweizer) Arbeitsweltmeister. Die Zahl bezieht sich natürlich bloss auf die wenigen Griechen, die noch einen Job haben, und diesen bis zur letzten unbezahlten Überstunde verteidigen.
 
WETTBEWERB! Der Begriff ist der NZZ offenbar heilig und darf nicht hinterfragt werden. Das war schon fragwürdig, als im Wettbewerb noch jene obenaus schwangen, die mit den besten Produkten und den effizientesten Prdouktionsmethoden aufwarten konnten. Doch jetzt reden wir von einer ruinösen Variante des Wettbewerbs, bei der gewinnt, der seine Billigarbeiter zum tiefsten Schleuderpreis in die  Ländern schickt, in denen die Massen noch Kaufkraft haben. Wenn man noch einen Funken Verstand hat, darf und muss man sich gegen diese Wettbewerb wehren.
  
 


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