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02.12.2019 – Statine - Big-Pharma macht das Wissen und das Geld

Für 9,7 Milliarden Dollar hat Novartis das Biotech-Unternehmen Medicines bzw. dessen Cholesterinsenker Inclisiran gekauft. Das bedeutet, dass die Patienten dafür einen mindestens 6fach überhöhen Preis zahlen werden.
 
 
Die  Pharma-Multis rechtfertigen die saftigen Preise ihrer Medikamente gerne mit den hohen Kosten. Doch die Übernahme von Medicines zeigt einmal mehr, dass dies nur ein kleiner Teil der Wahrheit ist.  The Medicines Company hat bisher nur ein Medikament, den Cholesterin-Senker Inclisiaran, entwickelt und fast zur Marktreife gebracht hat, aber eben nur fast
Das  bedeutet, dass Medicines bisher nichts verkauft und nur Verluste gemacht. Diese haben sich gemäss dem Geschäftsbericht bis Ende September 2019 auf genau 1,63 Milliarden Dollar zusammengeläppert. Genau so viel haben die Aktionäre von Les Medicines bisher in die Entwicklung investiert. Jetzt zahlt ihren Novartis für jeden investierten Dollar deren sechs.
 
In den Entwicklungskosten dieses Start-Ups sind auch saftige Saläre inbegriffen. Marc Timney, der CEO von Medicines hat letztes Jahr 8,7 Millionen Dollar kassiert, Clive Meanwell, sein Chief Innovation Officer steckte 8,8 Millionen ein. Weitere gut 40 Millionen dürften mit dem Verkauf seines Aktienpakets dazukommen. Alex J. Denner, der Hauptaktionär und Chairman von Medicines und einer  einer grossen Drahtzieher der Biopharma- Industrie, hat mit seinen 49 Jahren bereits ein Nettovermögen, das schon wurde schon vor dem Deal auf 1,3 Milliarden Dollar geschätzt wurde.
Da nehmen sich die Saläre der Top-Manager von Novartis schon fast bescheiden aus. CEO Vasant Narasimham und VR-Präsident Severin Schwab haben letztes Jahr 9,9 bzw. 11,8 Millionen Dollar kassiert. Ihr Vorgänger Daniel Vasella hat in seinen sieben fettesten Jahr gar über 400 Millionen Franken abgesahnt. So ist das, in einem Geschäft, bei dem Gewinnmargen von 30% als Existenzminimum gelten.
Dass die Rechnung für die Kunden dieser Industrie weniger gut aufgeht, zeigt exemplarisch das Beispiel des Cholesterins. Weil unser Körper diese dringend braucht, kann er sie selber herstellen und wiederverwenden. Leben wir gesund, bewegen sich die Cholesterinwerte in unserem Blut in einem normalen Rahmen.
Leben wir ungesund, bemüht sich der Körper die Schäden zu begrenzen. Diese Bemühungen führen dazu, dass gewisse Werte den normalen Rahmen verlassen. Deswegen stellt man etwa bei herzkranken Menschen in der Regel höhere LDL-Werte fest. Jetzt kommen die Statine ins Spiel. Diese patentierbaren Wirkstoffe halten das LDL in den Zellen zurück. Mit der Folge, dass man im Blut weniger LDL messen kann.
Und weil LDL-Blutwerte unter 150 heute offiziell als Schutzschild gegen Herz-Kreislauferkrankungen gelten, weil inzwischen fast jeder zweite US-Bürger als Risikopatient eingestuft wird, und weil es inzwischen als Kunstfehler gilt, diesen Leuten keine Statine zu verschreiben, aus all diesen Gründen hat allein der Marktführer Liptor von Pfizer bisher 164 Milliarden Dollar umgesetzt und jedes Jahr kommen weitere 5 Milliarden dazu.
Inzwischen hat sich allerdings gezeigt, dass rund ein Drittel aller Patienten nicht auf Statine reagieren. Ihre LDL-Werte bleiben hartnäckig hoch. Und eine Studiemit 12'000 Risiko-Patienten zeigt, dass Statine zwar den LDL-Wert im Schnitt um 37% senkten  und das Risiko eines Herzinfarkts leicht verringern, per Saldo die Sterblichkeit aber nicht reduzieren. Die Nebenwirkungen heben die Vorteile auf.  (Das gilt wohl auch auch für Inclisiran. Gemäss der von Medicines vorgelegten Studie wurden die LDL-Werte um  50% gesenkt, doch die Gesamtsterblichkeit ging gegenüber de Placebo nur von 1,9 auf 1,7% zurück. (siehe hier) )
 
Doch wer glaubte, dass dies das Ende der Statine sein könnte, hatte die Wendigkeit der Pharma-Multis unterschätzt. Diese entdeckte nämlich die rund 30% der gegen Statine resistenten Patienten flugs als neuen Markt. Auf diesem konnte man eine neue Klasse von Statinen absetzen. Diese hemmen das natürliche Molekül, das die Wiederaufnahme von Statinen im Blut steuert und offenbar auch bei den 30% gegen normale Statine resistenten Patienten wirkt. Diese neuen Cholesterinsenker kosten (in den USA) pro Jahr etwa 6000 Dollar, rund 12 mal mehr als die nicht mehr patentgeschützten alten Statine wie Liptor.
In diesem Markt will nun auch Novartis mitmischen. Da Inclisiran nur zweimal jährlich statt wie die Konkurrenzprodukte alle zwei Wochen injiziert werden muss, dürfte der Preis deutlich über 6000 Dollar liegen. Falls diese Rechnung aufgeht, werden sich die rund 10 Milliarden Dollar für Medicines auch dann gelohnt haben, wenn man noch mehr Geld in die Werbung und in die Pflege der Zulassungsbehörde stecken muss.
Dabei liegt die billige Alternative doch auf den Hand: Die starke Zunahme der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist zweifellos die Folge eines Lebensstils, der nicht mehr zu unsrer genetischen Ausstattung passt. Leiden und sterben bis sich die Gene angepasst haben, ist keine Option. Bleiben zwei Möglichkeiten – den Lebensstil ändern, oder den Genen nachhelfen. Beispielsweise indem man ein für die Cholesterin-Synthese wichtiges Enzym gezielt ausschaltet.
Doch angesichts der schier unendlichen Komplexität unserer Zellen spielen wir damit Zauberlehrling. Der Wissensstand der Spezialisten aus der Pharmabranche reicht zwar aus, um ein solches Vorgehen für die Behörden und andere Laien überzeugend zu begründen, aber mehr als Glückstreffer hat die Pharma-Industrie damit nicht gelandet.
Doch wer mit seiner Gesundheit nicht Roulette spielen will, hat immer noch die Möglichkeit, seinen Lebensstil seiner genetischen Ausstattung anzupassen, Die Rezepte sind bekannt – weniger Zucker, Fleisch und Industrieprodukte, mehr Gemüse, Früchte und Bewegung. Die segensreichen Auswirkungen auf die Herzgesundheit kann man überall nachlesen, z.B. in dieser  Studie.
Dass wir dennoch Hunderte Milliarden für Statine ausgeben, hängt damit zusammen, dass unser ganzer Medizinbetrieb vom Studium bis zur Gebührenordnung immer mehr auf punktuelle Eingriffe mit patentierbaren Molekülen ausgerichtet ist, die zudem immer nur die Symptome behandeln, statt zu heilen und die deshalb fast immer lebenslänglich konsumiert und bezahlt werden müssen.
Sich diesem System zu entziehen ist, ist ein schon fast heroischer Akt. Wer als Arzt oder Ärztin vorbeugende Lebensstil-Medizin betreiben will, muss es schon sehr geschickt anstellen, um finanziell über die Runden zu kommen. Auch Ärzte wollen überleben.



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