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01.09.2020 – Hohe Bodenpreise - sind da Naturgewalten am Werk?

Was gefährdet die freie Marktwirtschaft? Die Exzesse des Immobilienmarkts oder die Volksinitiative für mehr bezahlbare Wohnungen?  Der Tages-Anzeiger tippt auf Letzeres und kann sich ersteres gar nicht vorstellenl.
 
 
In einem Hintergrundbericht über die Volksinitiative für mehr bezahlbare Wohnungen, stellt sich der TA die Frage: Wann ist eine Wohnung gemeinnützig?“ Und beantwortet sie so:  „Die Bewohner zahlen nur die tatsächlichen Kosten, etwa für Hypotheken, Unterhalt, Rückstellungen und Abschreibungen. Niemand verdient daran.“ Doch verdient wirklich niemand daran? Weiter im Text erfährt man, dass aktuell nur 3,8% der Schweizer Wohnungen gemeinnützig sind, und warum das so ist: „Die Stadt verfügt nur noch über wenig  Landreserven und Zukäufe sind teuer. Die Preise werden durch die Bieterverfahren derart in die Höhe getrieben, dass die Wohnungen nur noch preisgünstig vermietet werden können, wenn Zürich Geld einschiesst.“

Demnach ist also der Grundbesitzer, der den Bodenpreis mit einem Bieterverfahren in astronomische Höhen treibt und kassiert, für den TA ein Niemand. Der TA sieht nur das Verhältnis von Mieter und  Vermieter. Hat dieser das Grundstück frisch zum Marktpreis gekauft, dann „verdient“ nicht er, sondern der Verkäufer des Grundstücks. Doch dieser wird in der Rechnung des TA ausgeblendet. Dass der TA (und nicht nur er) die hohen Bodenpreise offenbar als eine Art Naturgewalt und als unveräusserliches Natur-Recht der Bodenbesitzer sieht, zeigt auch die Textpassage, in der es um das Vorkaufsrecht geht, das die Initianten den Gemeinden einräumen wollen. Danach dürfen diese ein Grundstück (aber nur sofern es „bundesnahen“ Betrieben gehört) zu dem Preis erwerben, zu dem es der Höchstbietende gekauft hätte.
Ein solches Vorkaufsrecht, so gibt der TA zu bedenken, sei ein „grosser Eingriff in die freie Marktwirtschaft.“  Dass diese offenbar auch für die „linken“ Initianten sakrosankt ist, sieht man daran, dass das Vorkaufsrecht nur unter (Staats-)Brüdern gelten soll.  


Das ist seltsam. Bei nüchterne Betrachtung ist es gerade umgekehrt: Die Marktwirtschaft wird nicht durch die Initiative gefährdet, sondern durch die exorbitanten Monopolrenten auf dem Immobilienmarkt. Man rechne: In Zürich kostet ein Quadratmeter Bauland für Mehrfamilienwohnungen laut WüestPartner im Schnitt 7200 Franken. Die Nettorendite, die auf solchen Liegenschaften erwirtschaftet wird, liege bei 3,7%. Für eine Wohnung von 100 Quadratmetern Nettowohnfläche ergibt das eine jährliche Belastung  von rund 20'000 Franken allein für die Benutzung des Boden. (Die eigentlichen Wohnkosten kommen noch dazu.) Diese gut 20'000 Franken  entsprechen gut einem Drittel des Jahreseinkommens eines durchschnittlichen Stadtzürcher Steuerzahlers. Dieser muss also – wenn er eine Marktmiete bezahlt – seinem Grundherrn gut doppelt so hohen Steuern bezahlen, wie dem Staat. Und wenn „Zürich Geld einschiesst, muss Zürich die Steuern erhöhen, um den Bodenbesitzern ihre Monopolrenten zu finanzieren.

Eigentlich könnte die „Inititative für bezahlbare Wohnungen“ ein Anlass sein, diese Grundsatzfrage zu diskutieren. Doch wie dieses Beispiel zeigt, wird nichts daraus. Dazu ist die Heiligkeit der freien Marktwirtschaft zu stark in den Köpfen der Journalisten verankert.



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